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Von Kapitel zu Kapitel bindungsstärker werden

Ein persönlicher und fachlicher Blick auf das Buch „Bindungsstarke Kita“ von Susanne Mierau.

In einer Zeit, in der pädagogische Fachkräfte stark gefordert sind, ist es umso wichtiger, den Blick darauf nicht zu verlieren, was Kinder wirklich brauchen: Bindung, Beziehung und Sicherheit. Das Buch „Bindungsstarke Kita“ von Susanne Mierau ist hier nicht nur ein Plädoyer für eine beziehungsorientierte Pädagogik, sondern kann auch ein praxisnahes Werkzeug sein für alle, die in der frühen Bildung arbeiten.

Susanne Mirau vermittelt Kapitel für Kapitel nicht nur fachliche Inhalte, sondern auch Reflexionsimpulse für eine achtsame, respektvolle und authentische pädagogische Haltung. Das Buch verbindet wissenschaftlich fundiertes Wissen über frühkindliche Entwicklung mit einer sehr praxisnahen und alltagsorientierten Sichtweise.

Zentrale Inhalte

Bindung als Fundament
Susanne Mierau zeigt auf, dass sichere Bindungserfahrungen der Schlüssel zu gelingender Bildung und einer bedürfnisorientierten Pädagogik sind. Damit decken sich ihre Ausführungen mit einem von mir viel zitierten Merksatz: „Beziehung vor Erziehung!“.

Feinfühligkeit im Alltag leben
Ein zentraler Begriff im Buch ist die Feinfühligkeit oder Achtsamkeit. Susanne Mierau gibt hier konkrete Impulse, wie wir als Fachkräfte Signale von Kindern erkennen, richtig interpretieren und angemessen darauf reagieren können – auch in stressigen oder herausfordernden Situationen.

Selbstfürsorge für pädagogische Fachkräfte
Ein sehr starkes Kapitel: Ganz nach dem Prinzip „nur wer gut für sich selbst sorgt, kann auch gut für andere da sein“, geht Susanne Mierau nicht nur auf die Bedürfnisse der Kinder ein, sondern auch auf die der Fachkräfte. Sie spricht offen über Überforderung, emotionale Belastung und die Notwendigkeit, gut für sich selbst zu sorgen, um beziehungsfähig zu bleiben. Damit fördert Sie meiner Meinung nach eine immer noch zu wenig ausgereifte Kernkompetenz pädagogischer Handlungsfähigkeit: Aktives Selbst-bewusst-sein sowie Selbst-verantwortung.

Worum gehts eigentlich

Susanne Mierau startet mit einer grundlegenden Einführung in die kindliche Entwicklung aus bindungstheoretischer Sicht. Besonders zentral: Kinder lernen über Beziehungen – und brauchen dafür Sicherheit, Verlässlichkeit und feinfühlige Erwachsene. Schon hier wird deutlich: Der Blick auf Kinder als „Ko-Konstrukteure ihrer Entwicklung“ ist keine Floskel, sondern erfordert eine gelebte Haltung! (#haltungmachtsmöglich) Frage dich selbst:

  • Wie sehr bist du dir deiner bedeutenden Rolle als Bindungsgestalter*in bewusst?
  • Was verstehest du unter einer „bindungsstarken Haltung“ – und lebst du diese im Alltag?
  • Wie wirken deine Erfahrungen, Erwartungen und dein Stress auf die Beziehungsfähigkeit zu den Kindern?

In den weiteren Kapiteln geht es u.a. um praktische Impulse für einen achtsamen, verlässlichen Tagesablauf, der Kindern Orientierung und emotionale Sicherheit und Stabilität bietet.Wie können wir Alltagssituationen wie Ankommen, Wickeln, Essen oder Schlafen bindungsorientiert gestalten? Wie begleiten wir Kinder bei Wut, Trotz oder Frust anstatt das Verhalten zu unterdrücken? Wie können wir wohlwollende und unterstützende Grenzen setzen, ohne die Beziehungsebene zu schädigen bzw. kindliches Vertrauen und Sicherheit zu riskieren? „Bindungsstarke Kita“unterstützt dabei Schritt für Schritt den Blick auf Beziehungen im Kita-Alltag zu schärfen – vom Kind zur Fachkraft, vom Alltag zur Teamkultur.

Auch die Rolle der Eltern und eine gelebte Erziehungspartnerschaft auf Augenhöhe kommt nicht nur zwischen den Zeilen zur Sprache. Susanne Mierau betont, dass auch die Eltern-Kita-Beziehung bindungsorientiert gestaltet sein sollte. Dazu gehören Offenheit, Dialog und gegenseitiges Verständnis – statt gegenseitige Bewertungen, Vorurteile oder Druck.

Meine persönliche Meinung

Gerade weil das Buch „Bindungsstarke Kita“ viel Potenzial hat, ist es wichtig, die Inhalte nicht nur zu idealisieren, sondern als Anstoß für eigene praxisnahe Reflexion zu begreifen. Denn häufig klaffen Anspruch und Realität noch auseinander.

Susanne Mierau legt den Fokus stark auf eine feinfühlige, präsente und beziehungsstarke Haltung im Kita-Alltag – und das völlig zu Recht. Doch viele Fachkräfte arbeiten unter Rahmenbedingungen, die diese Haltung wenig unterstützen bzw. die es täglich herausfordern nicht in einen „Überlebensmodus“ zu verfallen – Fachkräftemangel, häufigen Personalwechsel, eine hohe Belastung durch verwaltungstechnische Aufgaben sowie erlebte Überforderungen bei herausf. Verhaltensweisen von Kindern. Pädagogische Fachkräfte bewegen sich somit häufig im Spannungsfeld zwischen Anspruch (Eigen- und Fremdwahrnehmung) und fordernder Wirklichkeit. Hier sollte nicht das Gefühl entstehen, (noch immer) nicht genug zu leisten, sondern sich die eigene pädagogische Beziehungsarbeit nicht durch strukturelle Rahmenbedingungen diktieren zu lassen. Ein ehrlicher Umgang mit den eigenen Rahmenbedingungen, Teamprozessen und persönlichen Herausforderungen kann helfen, die Impulse des Buches realistisch und nachhaltig zu verankern. Gleichzeitig bleibt auch hier die Gewissheit, dass ein solcher Prozess, wie alle Veränderungsprozesse, ein gehöriges Maß an innerer und persönlicher Bereitschaft und eine starke Identifikation mit Werten wie Achtsamkeit, Partizipation und Gleichweritgkeit braucht. Demnach ist hier ein individuelles Maß an Selbst-Veranwortung gefragt, um die Impulse des Buches in der eigenen Praxis nutzbar zu machen.

„Bindungsstarke Kita“ ist voller Impulse für eine empathische, moderne und kindgerechte Pädagogik. Es stärkt nicht nur unser fachliches Wissen, sondern auch unser Selbstverständnis als bedeutungsvolle Bezugsperson in der frühen Kindheit sowie ein damit verbundenes Verantwortungsbewusstsein. In einem Arbeitsalltag, der immer schneller wird, erinnert uns Susanne Mierau daran, wie wertvoll es ist, einfach da zu sein – feinfühlig zu sein, gelassen zu bleiben, mitzuspielen, zu trösten und mit einem offenen Herzen jedes einzelne Kind zu begleiten.

Wie selten und gleichzeitig wichtig solche Momente des „einfach da seins“ sind, erlebe ich an meinen PRAXIStagen immer wieder. Ich entscheide mich bewusst, mich „einfach“ zu den Kindern dazuzusetzen. Ihr kindlichen Lernen im freien Spiel und beim explorieren „einfach“ zu begleiten. Mitzuspielen, mitzumachen, mitzulachen, nachzufragen, Interesse zu zeigen – „einfach da sein“. Und die Kinder? – die nehmen diese Bereitschat und Feinfühligkeit dankend an und saugen diese natürliche Form der Bindungs- bzw. Beziehungsgestaltung in sich auf. Gleichzeitig merke auch ich, dass ich selbst herausgefordert bin, diese Momente im schnelllebigen Kitaalltag genau so bewusst zu planen, wie ein konkretes Bildungsangebot.

Zum guten Schluss …

Lest dieses Buch nicht nur allein, sondern bringt es ggf. ins Team ein. Es regt wichtige Diskussionen an, eröffnet neue Perspektiven und kann helfen, ein gemeinsames Verständnis von Bindung und Beziehung zu entwickeln. Hierfür könnten folgende Fragestellungen hilfreich sein:

  • „Bindungsorientierung beginnt bei uns selbst“ – Welche Voraussetzungen brauchen wir als Team bzw. als Einzelne*r, um diese Haltung leben zu können?
  • Welche alltäglichen Abläufe (z. B. Wickelsituationen, Übergänge, etc.) sind wirklich „bindungsstark“ – und wo handeln wir eher aus Routine?
  • Wie gut gelingt es uns, Kinder in herausfordernden Situationen emotional zu begleiten?
  • Wie begegnen wir Eltern auf Augenhöhe – und wo wird es schwierig?
  • Welche Formen der gegenseitigen Fürsorge können wir als Team etablieren, um langfristig bindungsfähig zu bleiben?

Wenn Ihr bei eurem Prozess Unterstützung in Form von Coachings, Fallberatung und/oder Seminaren wünscht, freue ich mich auf eure Anfrage:

Bereit für Veränderung?!